Ich bin mittendrin in einem Prozess, der aktuell guten Gewissens als “Hype-Thema” bezeichnet werden kann: Digitalisierung.

Eigentlich beschäftige ich mich ja schon damit, das Leben meiner Mitmenschen digital zu machen. Sei es vor 100 Jahren die Installation des 56k Modem bei meinem Großvater, das Entwickeln einer Website für unseren Volleyballverein oder auch der heimliche Endgegner, die Neuanordnung der Senderliste auf einem Fernseher – ich war immer schon der Ansprechpartner für Fragen um “Digitales” im Alltag.

Es kommt mir natürlich ziemlich entgegen, dass genau dieses Thema aktuell scheinbar super gefragt ist, besonders auch bei Unternehmen. Während es für Privatpersonen immer einfacher wird, einen neuen Router aufzubauen oder eine App auf ihrem Smartphone zu installieren, sind Unternehmen immer noch in ihren komplexen IT-Prozessen gefangen, die sich so gar nicht mehr zeitgemäß anfühlen (hat hier jemand SAP GUI gesagt?).

Natürlich wäre es jetzt eine Möglichkeit, in ein hippes Startup zu wechseln und sich nur noch mit neuer fancy Technologie zu beschäftigen. Man kann auf einer grünen Wiese anfangen und die Altlasten von “historisch gewachsenen” (eine Formulierung, die mich regelmäßig erschauern lässt) Systemlandschaften in Traditionsunternehmen einfach ignorieren. Alles heile Welt.

In meinem aktuellen Job beschäftige ich mich aber genau mit der herausfordernden Frage, wie etablierte Unternehmen mit diesem Wandel, der zur Zeit alle Branchen und alle Prozesse zu erreichen scheint, umgehen können. Einfach einreißen und neubauen ist keine Option: Gerade bei Unternehmen, die kein wendig-agiles Startup sind, steckt in der Stabilität von Geschäftsprozessen das größte Gut. Wenn man beispielsweise an ein Produktionsunternehmen denkt, ist es schlicht und ergreifend nicht vorstellbar, die IT-Systeme, welche die richtigen Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort bereitstellen, auch nur dem geringsten Risiko ausgesetzt werden. Würde man hier einen Fehler begehen, kann man unter Umständen nicht mehr produzieren. Bei vielen Unternehmen spricht man schnell von Millionenverlusten in jeder Minute Maschinenstillstand.

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Photo by Thought Catalog on Unsplash

Dieses Beispiel verdeutlicht natürlich auch direkt die Challenge, vor der Unternehmen stehen: Einerseits gibt es Bedarf von Kunden und auch eigenen Mitarbeitern, neuste und innovative Technologie einzusetzen, um die User Experience zu verbessern. Andererseits dürfen auch etablierte Prozesse zur Qualitätssicherung nicht vernachlässigt werden, die natürlich häufig langwierig sind und irgendwie auch im Gegensatz zu schnellen Innovationszyklen stehen. Diesen Clash soll auch die Ansicht der bi-modalen IT darstellen.

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Sieht sie so aus, die bi-modale IT? (Photo by rawpixel on Unsplash)

In meinem Job befasse ich mich hauptsächlich mit der eingesetzten Technologie, um dieser Herausforderung zu begegnen – logisch, bin ja auch für SAP tätig. SAP als König des stabilen Unternehmenskerns hat in letzter Zeit sehr viel investiert, um ein breites Portfolio an Innovations-Angeboten zu haben. Services für Machine Learning, IoT, Big Data oder auch Blockchain sollen über ein modernes und vor allem gemeinsames User Interface auf einer übergreifenden Plattform mit dem stabilen Unternehmenskern harmonisiert eingesetzt werden können. Besonders etablierte Unternehmen in Europa, die von den Medien häufig als digital rückständig abgestempelt werden, beschäftigen zur Zeit intensiv damit, die Vorteile moderner Software-Angebote mit ihrem “etablierten” und “historisch gewachsenen” Unternehmenskern zu kombinieren.

Klingt kompliziert, ist es auch. Technologisch gibt es mittlerweile ganz gute Antworten auf viele Probleme, besonders die flexible Bereitstellung von Cloud-Diensten nimmt hier unter anderem die Hürden von großen Einmalinvestitionen und langwierigen Hardware-Installationen.
Eine weitere Dimension bildet aber der Faktor Mensch (wie so oft). Nehmen wir als Beispiel einen Experten für eine spezielle Anwendung in einem SAP-System. Durch jahrelang aufgebautes Fachwissen ist er heute wahrscheinlich Ansprechperson für viele im Unternehmen und ist quasi “gesetzt”. Irgendwo verständlich, dass erstmal Unsicherheit aufkommt, wenn sich jetzt auf einmal so vieles ändern soll – wird seine angesammelte Expertise jetzt weniger Wert?

Um bei diesem Wandel alle abzuholen und besonders die so wertvolle Erfahrung von langjährigen Mitarbeitern in die Entwicklung neuer Anwendungen oder Prozesse einzubinden, ist also ein funktionierendes Change Management nötig. Man darf die Bi-Modale IT nicht so verstehen, dass Menschen im “Mode 1” einfach abgestempelt werden und sich als Bademeister darum kümmern sollen, dass niemand die Sicherheit des Unternehmenskern gefährdet. Man muss hier Nähe schaffen und die Mode 2-Verfechter für die berechtigten Bedenken des Mode 1-Teams sensibilisieren und gleichzeitig die Mode-1-Mannschaft auch auf die Chancen und auf ihre wichtige Rolle bei den Vorhaben der Mode-2-Fraktion aufmerksam machen.
Vielleicht können die Mode-1-Bademeister also einfach mal einen Bereich des Schwimmer-Beckens absperren, damit die Mode-2-Punks mal eine kontrollierte Arschbombe ins große Becken machen dürfen?

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Veränderung bietet immer Chancen!    (Photo by Jessica Podraza on Unsplash)

Puh, doch ein langer Text geworden. Liest bis hierhin eh kein Mensch:)

Kurzes Fazit: Digitale Transformation hat im sozialen / ethischen / moralischen eigentlich noch mehr interessante Aspekte als im technischen. Ist mir natürlich schon länger klar, aber es gibt einfach so viele verschiedene Ansichten auf das Thema, dass ich mich mehr damit beschäftigen möchte.

Danke auch an t3n, die mit ihrem unfassbar guten Magazin zu Themen rund um die Digitalisierung immer wieder neue Gedankenanstöße bei mir zünden. Wenn ihr sie noch nicht abonniert habt, solltet ihr das dringend tun!

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